Onventis im Interview mit Florian Ahle
Florian Ahle gibt uns im Rahmen seines Vortrags bei der Xchange 2026 im Oktober spannende Einblicke in den aktuellen „AI Reset“ im Source-to-Pay und die fundamentale Verschiebung von Copilots hin zu autonomen Multi-Agenten-Systemen. Im Interview spricht er über die Zukunft von S2P-Suiten im KI-Zeitalter, die wachsende Bedeutung von europäischer Datensouveränität sowie darüber, welche strategischen Schritte Procurement- und Finance-Leader jetzt einleiten sollten, um den Wandel aktiv zu gestalten.
Herr Ahle, wir stehen mitten im Jahr 2026. Haben wir uns bei der KI-Einführung in den Unternehmen die letzten zwei Jahre fundamental geirrt?
Wir haben nur die Brücke mit dem Ziel verwechselt. Die Phase von 2023 bis heute war die Ära der „Copilots“ und Chatfenster. Es war ein Zwischenschritt, aber im Kern ineffizient: Mitarbeitern teure Lizenzen zu bezahlen, damit sie den halben Tag mit einer Textbox chatten, ist kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell, sondern ein Produktivitäts-Friction-Point.
Der AI Reset, den wir erleben, bedeutet den radikalen Wechsel von reaktiven Chatbots zu proaktiven, autonomen Multi-Agenten-Netzwerken. In der Zukunftsgarage sehen wir diesen Kipppunkt glasklar: Die Systeme der nächsten Generation agieren vollautomatisch im Hintergrund – sie schlafen nicht, sie warten nicht auf Prompts, sie analysieren permanent und setzen um. Wer seine Roadmap immer noch darauf ausrichtet, wie Menschen schneller E-Mails schreiben, verwaltet im Grunde den Marktaustritt seines Unternehmens. In meiner Keynote im Oktober werde ich anhand unserer Interface-Collapse-Timeline zeigen, wie schmerzhaft dieser Umbruch die heutigen Systemlandschaften disruptiert.
Nun gibt es im Einkauf und Finanzbereich die Sorge, dass diese neue Autonomie traditionelle Enterprise-Software komplett überflüssig macht. Werden S2P-Suiten bald ausgedient haben?
Auf keinen Fall – das ist ein bekannter Trugschluss. KI-Modelle sind von Natur aus probabilistisch – sie basieren auf Wahrscheinlichkeiten und neigen statistisch immer noch zu Halluzinationen. Einkaufs- und Finanzprozesse müssen absolut deterministisch sein. Es gibt keinen Spielraum für Fehler, falsche Buchungen oder „fast richtige“ Verträge.
Autonome Agenten sind komplett wertlos ohne verlässlichen Kontext, historische Datenstrukturen und rechtssichere Audit-Trails. Und genau dieser Kontext – Verträge, Stammdaten, Compliance-Regeln – liegt in einer modernen S2P-Software. Aus strategischer Sicht gilt: Die Software ist das Cockpit und die Absicherung, die KI ist der Hochleistungs-Motor. Ohne ein starkes Software-Fundament bleibt jede KI „kopflos“ und im europäischen Raum rechtlich schlicht nicht verteidigungsfähig.
Sie sprechen die rechtliche Komponente an. Wie sehen Sie die Rolle der „European AI Sovereignty“ speziell für den S2P- und Finance-Sektor?
Daten-Souveränität ist im Jahr 2026 keine Frage der politischen Korrektheit mehr, sondern der nackten Absicherung. Wenn wir über den EU AI Act oder verschärfte Lieferkettenrichtlinien (CSDDD) sprechen, können europäische Unternehmen es sich operativ und juristisch einfach nicht erlauben, geschäftskritische Sourcing-Strategien oder sensible Finanzdaten in eine globale Black Box im Ausland zu schieben. Wir müssen gefährliche Abhängigkeiten vermeiden, wo es geht.
Wahre Souveränität bedeutet, dass der logische Kontext-Layer Ihrer Agenten innerhalb der europäischen Jurisdiktion bleibt. Governance wird damit zum größten Wettbewerbsvorteil des kommenden Jahrzehnts. Wer seine Kernprozesse auf einer Plattform orchestriert, die europäischen Standards entspricht, schützt sein intellektuelles Eigentum davor, das Modell eines Konkurrenten zu trainieren – und baut so sein eigenes digitales Immunsystem auf.
Womit sollten Procurement- und Finance-Leader ab morgen starten, um diesen Wandel aktiv zu gestalten?
Stop Prompting. Start Leading. Der größte Engpass ist fast nie die Technologie – es ist ein massives Strategie-Vakuum in den Chefetagen. Viele Unternehmen automatisieren heute mit Hochdruck Prozesse, die morgen gar nicht mehr existieren sollten, weil sie das eigentliche Problem aus dem Fokus verloren haben. Wir müssen weg vom reinen Tool-Sammeln und hin zu echtem First-Principle-Thinking, wie wir es auch in Cambridge lehren. Eine “AI First” Organisation muss zB auch eine andere Struktur anbieten als eine klassische Organisation – dennoch sind die unterschiedlichsten Unternehmen heute oft noch gefährlich ähnlich organisiert.
Ein konkretes Beispiel: Während Teams heute noch tagelang RFPs auswerten, lassen Vorreiter bereits autonome Agenten parallel tausende automatisierte Mikro-Verhandlungen im unmanaged Tail-Spend führen – mit sofortigen EBIT-Effekten von 3 bis 5 Prozent.
Wer in 2026 den strategischen S-Kurven-Sprung verpasst, wird in 2027 den Anschluss verlieren. Im Oktober werde ich eine dreistufige Matrix vorstellen, wie man diese autonomen Loops sicher aufbaut. Bringen Sie Ihre IT-Entscheider, Ihre Kunden-Experten und Ihre Sourcing-Strategen mit – denn dieser Reset betrifft nicht Ihre Tech-Infrastruktur, sondern Ihr gesamtes Geschäftsmodell.

AI Futurist & Leadership Speaker
Florian Ahle ist ein europäischer Speaker für KI‑Zukunftsthemen und Leadership, Autor und Executive Educator mit einer außergewöhnlichen Erfolgsbilanz aus Industrie, Technologie und Wissenschaft.
Mit mehr als 15 Jahren bei BMW, acht Jahren bei Google während dessen AI‑first‑Transformation und seiner Lehrtätigkeit zu Strategie & KI an der Cambridge Judge Business School unterstützt er Führungskräfte dabei zu verstehen, wie Künstliche Intelligenz Strategie, Führung, Organisation und Kundennutzen nachhaltig verändert. Florians Keynotes sind fundiert, zukunftsorientiert und hochrelevant für Executive‑Zielgruppen, die mehr suchen als reine Inspiration: strategische Orientierung, konkrete Handlungsempfehlungen und zukunftssichere Perspektiven auf moderne Führung.
