3 Fragen an Prof. Dr. Stannek

Stabile Lieferketten in Krisenzeiten

Prof. Dr. Guido M. Stannek wird auf der Onventis Xchange 2021 am 7. Oktober über die Handlungsoptionen bezüglich dem bevorstehenden Lieferkettengesetz sprechen.

Vorab erklärt er, welche Herausforderungen in den Lieferketten während der Corona-Krise aufgetreten sind, wie sie krisenfest aufgestellt werden können und auf was Sie sich bei seinem Xchange-Vortrag besonders freuen können.

Prof. Dr. Guido M. Stannek
Geschäftsführer
DR. STANNEK-CONSULTING

Während der Corona-Pandemie musste sich der Einkauf neuen Aufgaben stellen. Welche Herausforderungen in den Lieferketten sind aufgetreten und wie konnten sie am besten gelöst werden?

In der Tat musste sich der Einkauf in vielen Branchen sehr plötzlich und damit vielleicht auch agiler und flexibler als erwartet und auch bisher von ihm gefordert auf neue Herausforderungen einstellen. Insgesamt ging es jetzt kurzfristig darum den Geschäftsbetrieb überhaupt aufrechtzuerhalten, die dringend benötigten Materialien zu besorgen und gleichzeitig die Lieferantenrisiken zu managen.

Die größte Herausforderung aus unseren Vorort-Beobachtungen und Beratungsprojekten war die sehr plötzliche teilweise komplette Unterbrechung vieler globaler Materialversorgungs- und vor allem auch Logistikketten. Diese Wucht der globalen ad hoc Lieferausfälle war für viele Unternehmen – trotz teilweiser vorhandener Dual-Source Strategien (die bei einem globalen Lockdown auch nur bedingt bis gar nicht helfen) – die größte Schwierigkeit und dies gepaart mit den nachfolgenden Ineffizienzen in der eigenen internen Supply Chain in Form von höheren Gesamtkosten, fehlender Lieferperformance in Richtung der eigenen Kunden und somit Umsatzausfällen. Hinzu kamen die typischen Symptome des Bullwhip Effekts. Knappe oder komplett ausgefallenen Vormateriallieferungen wurden auf anderen Märkten, bei anderen Lieferanten oder auch zu einem früheren Zeitpunkt der Wertschöpfungsprozesse angefragt, was zu zusätzlichen – teilweise auch selbstgeschaffenen – Verknappungen auf der Vormaterialseite, nicht unerheblichen Preissteigerungen und Lieferzeitenverlängerungen führte, wenn man denn überhaupt noch welche genannt bekam.

Wirklich gut sind nur wenige Unternehmen durch diese Krise gekommen, aber genau diese zeichneten sich vornehmlich durch ein länderübergreifendes und zentral gesteuertes transparentes Risikomanagement aus. D.h. wir müssen unterscheiden zwischen dem, was zukünftig anders getan werden muss und möglichen kurzfristigen Gegenmaßnahmen. Diese kurzfristigen Gegensteuerungsoptionen bestanden vor allem darin, auf bekannte noch offene Märkte und gut gepflegte Netzwerklieferanten zuzugehen oder durch den Einsatz möglicher Materialsubstitute (Stichwort: Innovationsmanagement) der Knappheit und fehlenden Lieferfähigkeit zu entgehen. Dies gepaart mit der Sicherung exklusiver Produktionskapazitäten bei mehreren Lieferquellen oder die bewusste frühzeitige Schaffung von zusätzlicher Fertigungstiefe im eigenen Unternehmen vergrößerte und vergrößert auch in Zukunft zumindest die Wahrscheinlichkeit nicht in eine komplette externe Abhängigkeit zu geraten. Zukünftig muss das ganze Beschaffungsnetzwerk wesentlich stärker in die Entwicklung von Risikostrategien eingebunden werden, um die Versorgungsrisiken zu minimieren und die Lieferketten nachhaltiger zu stabilisieren.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei der nachhaltigen Stabilisierung von Lieferketten?

Digitalisierung an sich hilft aus unserer Erfahrung heraus nur gepaart mit einem umfassenden internen und externen Prozessverständnis und dessen kontinuierliche Verbesserung im gesamten Unternehmen und seinen Stakeholdern. Im Fokus müssen also sowohl die Lieferketten außerhalb als auch innerhalb des Unternehmens stehen, wenn man die Digitalisierung von Abläufen übergreifend angehen möchte und keine Sollbruchstellen an der Unternehmensgrenze billigend in Kauf nimmt. Wenn also ein Unternehmen seine Kerneinkaufsprozesse auf Ineffizienzen analysiert, dann neu definiert und implementiert hat, dann können entsprechende digitale Lösungen unter Zuhilfenahme vielfältiger Daten- und Informationsquellen definitiv helfen, wiederum andere Unternehmensprozesse zu automatisieren, standardisieren und von operationellen Risiken zu befreien. Zu nennen sind zunächst die scheinbar eigentlich einfachen Prozesse, wie die automatisierte Bestätigung von Bestellungen und Lieferplänen durch den Lieferanten, die in vielen Bereichen standardisierbare Lieferantenqualifizierung oder auch der Einsatz von Kapazitätsmanagementtools, um eigene Ist- und Forecast-Bedarfe mit den Kapazitäten des Lieferanten jederzeit abgleichen zu können bzw. Engpässe frühzeitig zu erkennen. Gleiches gilt im Übrigen mit Blick auf die wieder steigende Bedeutung von Lieferavis (ASN – advance shipping notification), oder die Echtzeit-Verfolgung des Transportstatus über Track-and-Trace-Lösungen, um in unsicheren Zeiten zu wissen, wann die Ware auf Einzelmaterialebene zur Verfügung steht. Etwas komplexer wird es dann schon bei KI-Lösungen im Umfeld von Advanced Analytics, die es erlauben Bestands- und Lieferprognose mit einer höheren Eintrittswahrscheinlichkeit vorherzusagen. Aber auch hierfür gibt es heute gute Tools, die wir bei Kunden bereits erfolgreich implementiert haben und noch implementieren.

Auf was dürfen sich die Gäste bei Ihrem Vortrag auf der Xchange 2021 freuen?

Das derzeit breit diskutierte Thema Lieferkettengesetz wird kurzfristig größere, mittelfristig auch mittelgroße Unternehmen beschäftigten und hat direkte Auswirkungen auf unser Handeln und unsere Verantwortung in der gesamten Wertschöpfungskette durch die damit nunmehr gesetzlich verpflichtend einhergehenden Dokumentations- und Sorgfaltspflichten. Aber auch kleinere, heute nicht explizit in den Fokus fallenden Unternehmen sollten sich nicht zurücklehnen und vorbereitet sein auf die grundlegenden Anforderungen, denn es ist davon auszugehen, dass die pro-aktiv einzuleitenden Maßnahmen, um negativen Auswirkungen entgegenzuwirken auch von ihnen früher oder später verpflichtend vorzunehmen sind. Ich werde aufzeigen, welche Anforderungen und Herausforderungen dies für welche Unternehmen sein werden, aber vor allem auch, wie man diese strukturiert angehen kann, ohne gleich den nicht überwindbaren Berg der Bürokratie vor sich zu sehen.

Prof. Dr. Stannek, vielen Dank für das Gespräch!

Onventis
Xchange 2021

Diesen Beitrag teilenShare this PostDeel dit bericht:
Datenschutz
Wenn Sie unsere Website besuchen, werden möglicherweise Informationen von bestimmten Diensten über Ihren Browser gespeichert, normalerweise in Form von Cookies. Hier können Sie Ihre Datenschutzeinstellungen ändern. Bitte beachten Sie, dass das Blockieren einiger Arten von Cookies Ihre Erfahrung auf unserer Website und den von uns angebotenen Diensten beeinträchtigen kann.